Garten und Gutsanlage

Haus Harkorten ist untrennbar mit der Gesamtanlage des Gutes Harkorten verbunden; das eine wäre ohne das andere nicht denkbar. In diesem Zusammenhang ist es dem Förderverein ein Anliegen, Besucherinnen und Besuchern dieses einzigartige Ensemble aus Nutz- und Ziergarten erlebbar zu machen und in die Restaurierungsmaßnahmen einzubinden. Dahingehend sind allerdings noch Forschungsarbeiten notwendig.

 

…und der Garten gehört zum Denkmal!

Interview mit Ulrich Muschiol am 02.05.2026

Bislang haben sich einige Mitglieder des Fördervereins um die Grundpflege rings um Haus Harkorten gekümmert. Allein das Mähen der Wiesen, die Unterdrückung einer Verbuschung durch z.B.Brombeeren, Ahornschößlinge etc. sowie die Herstellung und Instandhaltung der Zäune stellt insgesamt eine Herausforderung für ehrenamtliches Engagement dar. (Darum: weitere GartenliebhaberInnen sind hochwillkommen!)

Langfristig allerdings – im Gleichschritt mit der Restaurierung des Hauses- ist zu wünschen, dass durch professionelle Planung und Arbeit, v.a. auch mit finanzieller Unterstützung entsprechender Förderprogramme der hausnahe Bereich in einen Zustand zu versetzen sein wird, der das ursprüngliche Gestaltungskonzept im Ansatz erlebbar macht und so zur Schönheit des historischen Anwesens beiträgt.

Um einen ersten Schritt auf diesem langen Weg zu tun, haben wir nach Expertise Ausschau gehalten und in Herrn Ulrich Muschiol einen großzügigen, offenen Gesprächspartner gefunden.

Ulrich Muschiol, vormals Schloss- und Parkverwalter auf Schloss Altenstein in Bad Liebenstein (Thüringen), heute Bereichsleiter Grün beim SIH (Stadtbetrieb Iserlohn Hemer) hat im Jahre 1993/4 den Garten am und um Haus Harkorten untersucht. Der Förderverein Haus Harkorten ist Herrn Muschiol sehr dankbar für die Möglichkeit, die Ergebnisse der damaligen Untersuchung einsehen zu dürfen.

 

Das Interview wurde geführt von Dagmar Focke, M.A.

 

Anläßlich einer Hausführung -im strahlenden Sonnenschein, unter alten Bäumen und an einem Ort, der wahrscheinlich auch ursprünglich ein Sitzplatz im Garten gewesen ist- konnten wir mit ihm das folgende Gespräch über den Harkortschen Garten führen.

 

F (Förderverein): Zunächst danken wir Ihnen, dass Sie heute zu uns gekommen sind und dass Sie uns letzthin bereits so viele Informationen zugänglich gemacht und Hinweise gegeben haben. Beginnen wir unser Gespräch doch damit, dass Sie uns erzählen, wie Sie eigentlich auf Haus Harkorten gestoßen sind?

M (Ulrich Muschiol): Ja, erst einmal vielen Dank, dass ich hier sein darf. Es hat mich heute sehr berührt, Harkorten während der Führung wiederzusehen und auch Ihr ehrenamtliches Engagement zu erleben. Nun- wie kam es also damals zu dieser Untersuchung? Ich habe an der Hochschule Weihenstephan, Freising, studiert und mich dort schwerpunktmäßig mit der Gartendenkmalpflege befasst, also dem Studium der Landespflege oder

Landschaftsarchitektur, wie es sich zu dieser Zeit nannte. Und insofern war es folgerichtig, dass ich ein gartendenkmalpflegerisches Thema für die Diplomarbeit gewählt habe; um es genauer zu sagen- die Arbeit war betitelt mit „Erfassung und Inventarisation historischer Gartenanlagen im Kreis Ennepe-Ruhr und in der Stadt Hagen“. Und eins von 20 Objekten, die ich untersucht habe, war eben Haus Harkorten. Vielleicht sollte man noch hinzufügen, dass damals in den 90ern das Interesse, in der Denkmalpflege auch die Erfassung und Inventarisation von Gärten voranzutreiben, einen großen Aufschwung erlebte. Der Kommunalverband Ruhrgebiet hat in seinem Verbandsgebiet dieses Projekt entscheidend befördert und hat uns – mehrere Diplomanden, die jeweils eigene Gebiete untersuchten- materiell sowie auch z.B. mit Karten, Luftbildern usf. unterstützt. Es ist doch damals wie heute unmittelbar einleuchtend: ich kann nur das schützen und pflegen, was ich kenne. Und insofern ist die Inventarisation ein erster Schritt, eine Anlage bekannter zu machen, um sie dann entsprechend vielleicht wieder aus dem Dornröschen-Schlaf zu holen oder überhaupt erst mal jene Werte herauszustellen, die unbedingt zu erhalten oder zu pflegen sind.

F: Könnten Sie uns einige Gärten aus Hagen oder dem Umkreis nennen, die Sie damals erfasst und inventarisiert haben.

M: Am bekanntesten dürften zum Beispiel der Garten des Hohenhofs oder -als einziger Residenzgarten- jener von Schloss Hohenlimburg sein, beide sind inzwischen restauriert. Bedeutsam auch der Sitz des Freiherrn von Hövel zu Herbeck auf Haus Herbeck, wo ja auch einer der großen Gartengestalter des 19. Jahrhunderts gearbeitet hat, Maximilian Friedrich Weyhe. Dass es aber diese und andere bedeutende Anlagen gab und gibt – neben Harkorten z.B. Schede, Herbeck, Busch, Heilenbeck u.a.- war, als ich damals meine Recherche begann, in der breiten Öffentlichkeit eher nicht bekannt. Jemand sagte mir damals sogar: „Historische Gärten? Die gibt’s hier nicht“.

F: Oh! Mit dem Begriff der „historischen Gartenanlage“ verbinden wir als Laien ja häufig einzig die Schlossgärten und die Landschaftsparks adliger Güter oder berühmte Klostergärten. Die Untersuchungsobjekte ihrer Diplomarbeit, die sie gerade genannt haben, sind – mal abgesehen von Schloss Hohenlimburg- aber bürgerliche Gärten gewesen. Und warum sollte man sich nun ausgerechnet für jene weniger spektakulären Gärten interessieren, sie besonders pflegen oder wiederherstellen?

M: Was wir bei Haus Harkorten sehen, was mich da besonders herausgefordert hat, war doch, dass wir ein einzigartiges Architekturdenkmal, ein ganzes Ensemble von nationaler Bedeutung vor uns haben, durch die Familie Harkort verbunden mit der Wirtschaftsgeschichte, besonders der Geschichte der Industrialisierung des Raumes und weit darüber hinaus. Und hier muss es doch irgendetwas geben, wenn man da detektivisch rangeht, das auch irgendwie die Gartengeschichte zu erfassen hilft. Es muss doch irgendeine Freiraumstruktur gegeben haben, die es lohnt, bekannt gemacht zu werden, damit man dann auch das Haus Harkorten vielleicht in einem größeren Zusammenhang sieht. Denn Freiraum und Architekturgebäude gehören ja untrennbar zusammen. Und bei einem solchen Denkmal muss einfach etwas da sein, getreu dem Motto, wo Rauch ist, ist auch Feuer.

F: Da knüpfe ich gleich an. Also wir sehen „weder Feuer noch Rauch“. Ich glaube, wir sehen einfach nur ins Grüne und wissen überhaupt nicht, was hier ursprünglich eigentlich los war. Was war denn damals los, als Sie die Untersuchung gemacht haben?

M: Gut, das war 1993, also gute 30 Jahre her. Damals hat Haus Harkorten noch mehr geatmet. Was ich damit sagen will: wenn man Luftbilder von damals und von heute vergleichend betrachtet, dann fällt sofort auf, dass die Bebauung immer näher an das ganze Gesamtensemble heranrückt. Und das ist natürlich etwas, was man bedauern kann und muss, denn Haus Harkorten, wie ich herausgefunden habe, ist ein Ensemble aus Architektur und verschiedenen Gärten - Ziergärten, Gemüsegärten, Obstgärten und so weiter- Teichanlagen, Wiesen, Felder, Wirtschaftsflächen. Somit ist zwar hier kein Landschaftspark im üblichen Sinne vorhanden, stattdessen aber gibt es hier einen Landschaftspark im Sinne einer sog.“aufgeschmückten“ Landschaft. Aus dem Englischen kennen wir das als ‚Ornamented Farm‘. Insofern ist der Freiraum, das, was Haus Harkorten umgibt, unbedingt wichtig, um die Anlage insgesamt verstehen zu können.

F: Was Sie gerade beschrieben haben, das würden wir alles gerne sehen. Aber wir sehen es eben jetzt nicht mehr. Und die Frage ist natürlich, was würden Sie uns eigentlich empfehlen? Was könnten wir tun? Was sollte hier passieren?

M: Zum einen sagt die Denkmalpflege, der Ist-Zustand ist das Denkmal. Das heißt, wenn ich mich jetzt hier im unmittelbaren Bereich hinter dem Haus Harkorten umsehe, entdecke ich ja noch Relikte aus einer bestimmten historischen Schicht, die man identifizieren und die man auch ergänzen kann. Ich nenne beispielsweise Mauern, Wasseranlagen, Wasserkunst oder auch Treppenanlagen, Plattenbeläge. Man erkennt auch den ein oder anderen Baum, der vielleicht nicht 1760 gepflanzt worden ist, aber erkennbar aus einer weiteren historischen Schicht, nämlich wohl um 1900 stammt, so wie auch einige verschiedene Gehölze, die damals der Mode der Zeit entsprechend verwendet wurden. Zusammengefaßt müßte man das herausarbeiten, was noch vorhanden ist, könnte also die Sukzession beseitigen- freischneiden! -, um Historisches sichtbar zu machen und auch behutsam zu ergänzen. Wovon ich abrate, ist, im Sinne einer schöpferischen Denkmalpflege, sich irgendetwas auszudenken, in der Vorstellung: So könnte es in etwa zur Zeit der Entstehung um 1756 hier ausgesehen haben.

F: Ich möchte darauf zurückkommen, auf das, was Sie über Ihre Befunde aus 1993 gesagt haben. Könnten Sie uns noch die Methodik erläutern, mit der die Gartendenkmalpflege ursprüngliche Situationen eruiert, um dann zu angemessener Neugestaltung kommen zu können.

M: Richtig! Vor dem Machen kommt erstmal die Analyse. Das heißt, ich bin ja wissenschaftlich vorgegangen: Das hat bedeutet, alle Literatur zu Harkorten zu sichten, in dem einen oder anderen Archiv zu recherchieren. Ich habe Luftbilder ausgewertet, alte Karten im Zeitverlauf miteinander verglichen, habe alte Güterverzeichnisse studiert, historische Abbildungen und Fotos gefunden und schließlich auch „mündliche Geschichte“ gemacht, was heißt, ich habe noch mit dem letzten Besitzer aus der Harkort-Familie, Herrn Söding-Elsner von Gronow gesprochen, der ja noch hochbetagt heute hier auf einem Teilbereich des Anwesens lebt. Und all das -und vielleicht habe ich jetzt auch noch Dinge vergessen- war natürlich nicht so, dass man irgendwo eine Schublade aufgemacht hätte und dann wäre einem das Quellenmaterial in schönster Ordnung in die Hände gefallen, sondern man musste sich aus allen Unterlagen und Texten entsprechend dem jeweiligen Untersuchungszweck, wie bei einem Puzzlespiel die entsprechenden Stellen oder interessanten Bemerkungen heraussuchen. Und das hat man dann aufgrund seines Vorwissens über die damalige gartendenkmalpflegerische Forschungslage versucht einzuordnen in die deutsche bzw. europäische Gartenkunstgeschichte.

Und vor dem Hintergrund dieser Analyse ist zum Beispiel anzunehmen, dass die Gestaltung des Gartens zum sog. „Neuen Haus“ auf die Märckerin zurückgeht: einerseits sicherlich bezüglich ihrer Herkunft und ihres Bildungshorizontes sowie des Distinktionsanspruchs der Familie, andererseits -und was das Praktische anbetrifft- im Bezug auf ihre Geschäftsverbindungen nach England, das ja damals die Entwicklung der Gartengestaltung entscheidend prägte. Die englische Landschaftskunst, die dann auf den Kontinent kam, die Aufschmückung der Landschaft, diese- wie schon erwähnt- „Ornamented Farm’ ist der Kern dessen, was herausgearbeitet werden konnte aufgrund der beschriebenen wissenschaftlichen Vorgehensweise. Und ja, es ist eine extensiv gestaltete Landschaft, die interessant und wertvoll genug ist, erhalten zu werden.

F: Mit dem Begriff ‚Farm’ wird der u.a. landwirtschaftliche Charakter des Anwesens angezeigt, der als Notwendigkeit anzusehen ist zur Selbstversorgung mit Lebensmitteln. Wie man zum Beispiel auch weiß, gab es auf Harkorten Bienen, und es wurde Bier gebraut. Wie gelang es denn wohl damals, diese stimmungsvolle Verbindung des Nützlichen mit dem Schmückenden planerisch in den Griff zu bekommen? Gab man das bei Profis in Auftrag oder war der bürgerliche Garten eher ein Werk der Dilettanten?

M: Also heute hat ja der Begriff ‚Dilettant‘ mehr einen faden Beigeschmack, eine Abwertung, wenn man jemanden einen ‚Dilettanten‘ nennt. Damals, etwa zu Zeiten des Hausbaus, war das durchaus ein kundiger Gartenliebhaber, der sich mit der zur Verfügung stehenden Gartenbauliteratur befasst hat, um mit dem Trend der Zeit vertraut zu werden, was nicht nur gestalterische Aspekte anbetraf, sondern vor allem das wissenschaftliche Interesse an der Natur im allgemeinen und der Botanik im Besonderen. Man tauschte sich darüber untereinander auf den Gütern oder auf den Adelssitzen aus, hat Erfahrungen und Wissen geteilt, Gartenbau in Theorie und Praxis aus Gartenbüchern studiert und vor allem Pflanzen besorgt, getauscht. Gärtner und Hilfskräfte gab es ja allenthalben.

Aber dass es jetzt hier einen „Hofgärtner“ gegeben hätte im Sinne der höfischen Residenzkultur, das kann man nicht sagen. Es kamen jedoch- wie ich herausfinden konnte- durchaus auch auswärtige Gärtner nach Harkorten, die die allgemeine Gartenpflege der Gutsarbeiter fachmännisch ergänzten oder verbesserten. Da ist zum Beispiel der Gärtner Andres aus Quedlinburg zu nennen. Quedlinburg war damals und ist es noch heute eine bedeutende Gartenbaustadt mit großer Tradition und Renommee, insbesondere in der Saatzucht. Dass ein Gärtner aus Mitteldeutschland nach Harkorten kam, um in den verschiedenen Gartenteilen der aufgeschmückten Landschaft zu arbeiten, ist sicherlich als ein weiterer Beweis für die gestalterische Ambioniertheit der Familie Harkort zu bewerten.

Es sticht dabei heraus jene Louise Catharina Harkort, die „Märckerin“, die als eine umfassend gebildete, prominente Geschäftsfrau des 18.Jahrhundert bekannt ist. Sie bezog zum Beispiel Pflanzensamen aus England oder -das ist gleichfalls überliefert- war stolz auf das von ihr geplante, damals modische „Boskett“ mit exotischen Gehölzen, ein (Lust-)Wäldchen am Bremker Bach, nur einen kleinen Spaziergang vom Haus entfernt über geschlängelt angelegte Wege. Auch das stützt meine These der aufgeschmückten Landschaft, der Ornamented Farm. Da man hier auf dem Land war und nicht in einer Residenz, hat man einfach das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Und wenn man auf geordnete Gemüsebeete geschaut hat, dann war das halt genauso viel wert, als hätte man auf Buchsbeete geschaut. Hier gab es also beides, hier gab es in Hausnähe einen regelmäßigen Garten, der mehr dem spätbarocken Lustgarten-Prinzip oblag, zudem nahe bei die Gemüse-und Obstgärten. Und schließlich mit dem Wäldchen ein weiteres Element der Gartengestaltung im Sinne der Ornamented Farm - etwas außerhalb inmitten der agraischen Landschaft gelegen. So kann man fast von einem Zonierungsprinzip sprechen.

F: Herr Muschiol, haben Sie ganz herzlichen Dank für das informative Gespräch. Drücken Sie bitte dem Haus Harkorten die Daumen, dass es in nicht allzu ferner Zukunft gelingen möge, auf der von Ihnen geschaffenen Materialgrundlage überzeugend darlegen zu können, wie wichtig und wertvoll es ist, nicht nur das einzigartige Gebäude mit Fördermitteln zu restaurieren, sondern auch die ehemalige Einbettung in eine Ornamented Farm im Ansatz erlebbar zu machen – und auch dies großzügig zu fördern. Auf Wiedersehen im Garten!