Von Michael Eckhoff
„Haus Harkorten“ ist ein einzigartiges Schmuckstück. Zusammen mit seinen Nachbarbauten nimmt es in Nordrhein-Westfalen eine besondere Stellung ein. Und zwar in vielfacher Hinsicht: Es hat nicht nur eine herausragende architekturhistorische, sondern auch eine sozial-, wirtschafts- und industriegeschichtliche Bedeutung von sehr hohem Rang. Zudem war es im frühen 19. Jahrhundert die Heimat von Industriepionieren wie Friedrich und Gustav Harkort. Eine besondere Rolle fiel den Harkorts um 1830/40 in den damals neuen Branchen wie dem Maschinenbau und der Fertigung von Eisenbahnteilen zu.
Der Begriff „Haus Harkorten“ wird nicht immer eindeutig verwendet. Einerseits wird darunter oft das gesamte Ensemble des ehemaligen Freigutes Harkorten verstanden. Andererseits ist häufig „nur“ das im Auftrag von Johann Caspar Harkort III. (1716–1761) und seiner Ehefrau Louisa Catharina Märcker (1718–1795) errichtete, 1757 fertiggestellte „obere Haus“ (bzw. „das neue Haus“) des Gutes Harkorten gemeint. Es steht – flankiert von einigen älteren erhaltenen Bauten des einstigen Gutes – vor Kopf einer Allee unweit der Harkortstraße im Hagener Stadtteil Westerbauer.
Seit dem 15. Jahrhundert
Die Geschichte des Freiguts Harkorten reicht zumindest bis ins 15. Jahrhundert zurück, so wird im Schatzbuch der Grafschaft Mark (im Jahr 1486 veröffentlicht) eine „Witwe Harkort“ genannt. Wie es seinerzeit „auf Harkorten“ und auf dem seicht abfallenden Gelände rechts und links des durchfließenden Bremker Baches aussah, ist völlig unbekannt. Eine archäologische Untersuchung hat es auf dem gesamten Areal noch nie gegeben.
Am Ende des Dreißigjährigen Krieges wird die Familie Harkort zwar als verschuldet verzeichnet, scheint die langen Kriegswirren aber dennoch besser überstanden zu haben als viele andere Familien in der Nachbarschaft. Entscheidend für die weitere Entwicklung war Johann Caspar I. Harkort, der im letzten Viertel des 17. Jahrhunderts ein von einem Onkel ererbtes Handelsgeschäft ausbaute und um zahlreiche eisenverarbeitende Betriebe ergänzte (Sensenhämmer etc.). Insbesondere der Handel, den er vornehmlich gen Ostsee betrieb, mehrte den Wohlstand, so dass sein Enkel Johann Caspar Harkort III. im Jahr 1756 finanziell in der Lage war, ein elegantes, barockes Bauwerk zu planen, das in der Region damals seinesgleichen suchte.1
Das 1757 fertiggestellte „obere Haus“ gehört zu den architektonischen Meisterwerken der Region Berg-Mark und gilt als vornehmstes Beispiel des Bergisch-Märkischen Barocks. In diesem Beitrag ist hauptsächlich das „obere Haus“ Gegenstand der Betrachtung. Zum Zeitpunkt, als diese Zeilen verfasst wurden (im Februar 2026), zeigte sich das „obere Haus“ nach rund fünfzehnjährigem Leerstand in einem teilruinösen Zustand.
Im Inneren fand 2020 eine grundlegende Untersuchung statt – mit dem Ziel, eine Basis für die geplante Restaurierung zu erhalten. Eigentümer des Hauses ist der 2016 gegründete „Verein zur Förderung des Erhalts und der Entwicklung von Haus Harkorten e.V.“.
Einzigartige Authentizität
Das Bauwerk steht aufgrund seiner einzigartigen Authentizität in seinem gesamten Erscheinungsbild unter Denkmalschutz; zum Haus gehören beispielsweise eine Küche des 18. Jahrhunderts, eine Pumpe, ein durch den Keller geleiteter Bach zur Ver- und Entsorgung, Lastenaufzugdurchlässe, Originalzimmerdecken, Kamineinbauten, zahlreiche Holzarbeiten aus den 1790er Jahren sowie ein raumgroßer Safe aus dem frühen 19. Jahrhundert inmitten des Hauses. Von der eigentlichen Inneneinrichtung sind etliche Teile erhalten, die in das Eigentum des Stadtmuseums Hagen überführt worden sind. Zum Haus gehört(e) ein (Nutz-)Garten, der bislang nur unzureichend untersucht ist, sowie ein der Versorgung dienender Hausgarten und ein Denkmal. Dass Johann Caspar Harkort IV. um 1800 ein wichtiger Akteur in einem regionalen Netzwerk von „Gartenfreunden“ war, ist zwar bekannt, aber nicht weiter erforscht.
Eine präzise Beschreibung des Bauwerks – fußend auf Darstellungen aus dem Jahr 1795 – liefert der früher für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) tätige Experte Thomas Spohn: „Der Grundriß … ist dreizonig gegliedert. Durch die Haustür in der Schauwand erreicht man das ‚Vorhaus‘. Es wird belichtet durch das Oberlicht der Haustür und deren seitlich flankierende Fenster. Von hier sind die repräsentativsten Räume des Hauses (Saal und Stube) sowie die Küche und das obere Stockwerk erschlossen. Hier standen der Uhrkasten, ein Schanktisch sowie vier weitere Tischchen …, insgesamt 14 Stühle und zwei Sessel sowie ein Kanapee und schließlich ein Eckschrank mit drei Türen in Pyramidenform. Bereits das Vorhaus war also recht wohnlich eingerichtet und diente wohl als Empfangs- und Besprechungszimmer für Besucher, die aus diesem halböffentlichen Raum nicht in die privateren Gemächer vordringen sollten.“ 2
Es folgten – links vom Eingang – ein „Saal“ als bevorzugter Aufenthaltsort der Bauherrin, ein weiterer repräsentativer Raum („hinterer Saal“) und eine Kammer mit einer Truhe. Im Anschluss an das „Vorhaus“ sind das Treppenhaus und der zentrale Kamin angelegt, dahinter ist bis heute die Küche des 18. Jahrhunderts zu finden. Rechts vom „Vorhaus“ gelangte man in eine Stube mit einem großen Tisch. Unmittelbar dahinter sind die „Schlafkammer“ der Ehefrau und eine weitere Stube angeordnet. Das obere Stockwerk bot Raum für das „Comtoir“ (mit Schreibpult und Registratur) und für vier Kammern. In einer dieser Kammern stand ein Klavier, in den anderen befanden sich Betten und anderes Mobiliar. Für den Bereich darüber werden Lager- und Vorratskammern erwähnt.
„Schieferumkleidet, mit geschwungenem Giebeldach, anmutig und streng in seinen harmonischen Maßen und Formen, mit herrlichen Holzschnitzereien geschmückt, so blickt es aus seinen gleichmäßig angeordneten Schiebefenstern nach Süden und Norden, nach Osten und Westen, umgeben von Gärten, Wiesen und sieben Teichen. Eine breite Allee führt zu ihm hin, Eichen und Buchen beschatten den Hof. … Es war ein Herrenhaus, repräsentativ und von Künstlerhand gestaltet, aber es war auch ein Kaufmannshaus, einfach und von äußerster Zweckmäßigkeit. Jeder Winkel unter Treppen und schrägen Wänden war durch Wandschränke ausgenutzt; die schöne Eichenholztreppe nahm wenig Raum ein, und die gleichmäßige Aufteilung der Zimmer, Comptoirs und Lagerräume erschien übersichtlich und klar …“, so beschreibt Ellen Soeding, eine Nachfahrin, treffend das Haus. 3




Unbekannter Architekt
Die Frage nach dem Architekten wurde bislang nicht schlüssig beantwortet. Es werden in der Literatur der aus dem Hagener Raum stammende Baumeister Eberhard Haarmann, die Schwelmer Schnitzermeisterfamilie vom Heede und der Breckerfelder Schreinermeister Johann Peter Holthaus in Erwägung gezogen. Die Frage nach dem „Harkorten-Architekten“ hat auch Thomas Spohn beschäftigt. Er kam zu dem Ergebnis, dass zwar die Ausführungen der Detailformen außen und innen allgemein dem Schwelmer Meister bzw. dem Breckerfelder Schreiner Holthaus zugerechnet werden können, jedoch blieben die Zuweisungen der Gesamtkonzeption vage. Deshalb sei es angebracht, die kulturellen „Bezüge der märkisch-bergischen Oberschicht des 18. Jahrhunderts in die Gewerberegion Aachen/Lüttich“ zu untersuchen, was aber noch ausstünde. 4
Spohn betont: „Jenseits seiner herausragenden künstlerischen Qualitäten ist das ‚neue Haus‘ bedeutend in typologischer Hinsicht. Im nicht-adeligen ländlichen Bereich handelt es sich um das früheste Beispiel eines Haupthauses, das nachweislich keine der landwirtschaftlichen Betätigung dienenden Räume mehr enthielt. Freilich waren seine Funktionen noch nicht die auf die des Wohnens eingeengt; vielmehr boten die Dachböden großvolumigen Packraum für feine Eisenwaren (während grobe Eisenwaren im alten Haupthaus gelagert wurden). … Schließlich war von Beginn an auch das Kontor des Handelshauses Harkort im ‚neuen Haus‘ untergebracht.“ 5 Spohn resümiert: „Es sei hervorgehoben, daß der Neubau auf Haus Harkorten ohne direkte Vorbilder entstand, jedoch umgekehrt bis ins 19. Jahrhundert hinein das Baugeschehen im westlichen Teil der Grafschaft Mark und im Bergischen Land bestimmte!“ 6
Schauen wir kurz auf die Nachbarbauten:
Auch den anderen erhaltenen Gebäuden des früheren Gutsbereiches fällt ein erheblicher Wert zu. Dazu gehören das „Jungfernhaus“ (18. Jh.), eine Scheune (ebenfalls 18. Jh.) sowie insbesondere das in den 1680er Jahren in zwei Bauabschnitten errichtete und im vorderen Bereich mit schützenden Holzschindeln versehene „Geburtshaus“ (rechts vor dem oberen Haus). Dieses kombinierte Kaufmanns- und Bauernhaus – einzigartig in der gesamten Region – wird oft „Geburtshaus“ genannt, weil die bekannten Industriepioniere Friedrich und Gustav Harkort darin das Licht der Welt erblickten. 2015 wurde es grundlegend saniert und für Wohnzwecke umgebaut. Im „Jungfernhaus“ sind 2015/16 nach Entkernung und Erweiterung drei Wohnungen entstanden. Ein weiterer bedeutender „Harkort-Bau“ steht wenige hundert Meter entfernt an der Grundschötteler Straße: eine aus den 1830er Jahren stammende Fabrikhalle („Harkortsche Fabrik“). Die frühere Brennerei/Brauerei (gebaut um 1800) ist ebenfalls noch existent, sie wurde ins Hagener Freilichtmuseum, Mäckingerbachtal, transloziert.
1 Vgl.: Eckhoff 2021
2 Spohn 1996: 30
3 Soeding 1957: 89
4 Spohn 1996: 26-27
5 Spohn 1996: 29
6 Spohn 1996: 41